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Ein Interview mit Dr. Andreas Fiehn, MBA
Das IEGUS Institut für Europäische Gesundheits- und Sozialwirtschaft hat ein Konzept zirkulärer Migration indischer Pflegekräfte entwickelt. Dieses sieht vor, indische Pflegekräfte temporär in deutschen Altenheimen zu beschäftigen. Im Gegensatz zum Gastarbeiterprogramm von 1953-1973 stehen dabei nicht nur der deutsche Arbeitsmarkt, sondern auch die Interessen des Herkunftslandes Indien im Vordergrund.
Mit Rückkehr der indischen Pflegekräfte fließt Altenpflege-Know-how nach Indien. Derzeit baut das IEGUS Institut Kontakte nach Indien auf. Dr. Andreas Fiehn, Chefarzt der Anästhesie an den Diakonie-Kliniken Kassel, befasst sich im Rahmen eines Lehrauftrags an der FH Osnabrück mit dem Thema »Vergleich internationaler Gesundheitssysteme« und dabei auch intensiv mit dem indischen System. Durch regelmäßige Aufenthalte kennt er das indische Gesundheitswesen auch von der praktischen Seite. Er stand der conZepte Rede und Antwort.
cZ: Herr Dr. Fiehn, welche besonderen Kennzeichen weist das indische Gesundheitswesen auf?
Fiehn: Indien steht vor ganz anderen Herausforderungen als Deutschland. Nach wie vor zählt Indien zu den Ländern mit den geringsten Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit weltweit. Rund 80 % der Bevölkerung fehlt es an medizinischer Grundversorgung. Ein Arzt in einem Primary Health Care Centre muss bspw. bis zu 35.000 Patienten betreuen. Dabei sind insbesondere auf dem Land die Versorgungsstrukturen unterentwickelt. Die Kindersterblichkeit ist unter der ländlichen Bevölkerung immer noch sehr hoch, oft fehlt sogar der Zugang zu sauberem Wasser.
cZ: Welche Entwicklungen vollziehen sich in Indien im Moment?
Fiehn: Ähnlich wie in Deutschland altert die indische Bevölkerung rasch. Zusätzlich ist die indische Gesellschaft im Umbruch. Mobilität im Inland und Individualisierungstendenzen nehmen zu, es vollzieht sich ein kultureller Wandel. Der Bedarf an geriatrischen Versorgungsstrukturen steigt dadurch stark an. Dabei wird heute die überwältigende Mehrheit pflegebedürftiger Älterer im Kreise der Großfamilie versorgt. Diese traditionellen Versorgungsformen werden im ländlichen Raum weiterhin aufrecht erhalten bleiben. Anders verhält es sich in den Ballungsräumen. Familiengrößen sind rückläufig, der Bedarf an außerfamiliärer Hilfe im Pflegefall steigt an.
cZ: Was hat dies für Auswirkungen?
Fiehn: Wohlhabende Inder verfügen über die finanziellen Mittel, um sich Unterstützung durch Haushalts- und Pflegekräfte einzukaufen. Hier gibt es keine Probleme. Für die Mittelschicht müssen allerdings neue Angebote bereit gestellt werden.
cZ: Welche Herausforderungen stehen Indien angesichts des steigenden Bedarfs an institutioneller Pflege bevor?
Fiehn: Es gibt in Indien noch keine weit verbreiteten geriatrischen Versorgungsstrukturen. Ärzte sind bspw. zu 80-90 % Allgemeinmediziner. Indienweit werden nur an drei oder vier medizinischen Hochschulen geriatrische Inhalte vermittelt. Zusätzlich gibt es für die Altenpflege in Indien kein entsprechend ausgebildetes Pflegepersonal. Für die zukünftigen Versorgungsstrukturen sind andere Anforderungen gefragt. Mehr Pflegekräfte und Ärzte müssen wissen, wie man Ältere versorgt.
cZ: Was halten Sie von der Idee, dass diese geriatrischen Kenntnisse in Deutschland erworben werden könnten?
Fiehn: Angesichts der hohen geriatrischen Versorgungs- und Erfahrungsdichte hierzulande könnten indische Pflegekräfte, die ja ohne jegliche Altenpflegekompetenz nach Deutschland kommen, diese sehr gut vermittelt bekommen. Gleichzeitig muss ein Wissenstransfer nach Indien beginnen, damit Pflegekräfte mit entsprechender Qualifikation bei Rückkehr eine berufliche Perspektive haben.
cZ: Was halten Sie grundsätzlich von einem Ansatz zirkulärer Migration?
Fiehn: Bei guter Vorplanung und natürlich vorausgesetzt, dass die indischen Pflegekräfte wieder zurückkehren, könnte ein Programm zirkulärer Migration für Deutschland und Indien erfolgversprechend sein. Derzeit werden indische Pflegekräfte einfach aufgekauft. Im Ausland eröffnet sich für sie die Chance, ein Vielfaches des inländischen Lohnes zu verdienen. Demgegenüber wäre zirkuläre Migration auf ethischen Prinzipien aufgebaut. Man sucht die Kooperation. Dies ist der spannende Anknüpfungspunkt. Zirkuläre Migration könnte mit dazu beitragen, dass der Brain Drain in Herkunftsländern nicht noch weiter verschärft wird. Während bspw. die Green-Card-Initiative im Sinne des Gastarbeiterprogramms nur die deutsche Perspektive berücksichtigt hat, geht es bei einem Vorhaben zirkulärer Migration auch um die Interessen Indiens.
cZ: Was ist wichtig, damit die zirkuläre Migration indischer Pflegekräfte gelingt?
Fiehn: Es muss eine Kooperation sein, von der alle Seiten profitieren. Den indischen Partnern muss der direkte Nutzen einer Zusammenarbeit deutlich werden. Dies schließt zum Beispiel auch ein, dass sie nach Deutschland eingeladen werden. Sie könnten hier das deutsche Gesundheitswesen besser kennen lernen. Dabei wird man zirkuläre Migration in Indien insbesondere dann als gutes Modell begreifen, wenn eine Rückkehr tatsächlich erfolgt und den Pflegekräften eine gute berufliche Perspektive in der Heimat eröffnet wird.
cZ: Herr Dr. Fiehn, ich danke Ihnen für das Gespräch!
Das Interview führte Meiko Merda
Nähere Informationen zum Projekt können bei Meiko Merda unter
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