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Kommentar von Erhard Weiß, BGW
Die Zahl der Studien zur Entwicklung der Pflege in Deutschland wächst von Jahr zu Jahr. Einig sind sie sich in einem Punkt: Die Zahl der Pflegebedürftigen und der damit verbundene Bedarf an Pflegeleistungen wird in den nächsten Jahrzehnten deutlich zunehmen.
"Zukunftsbranche Pflege" – die Aussichten auf unternehmerischen Erfolg und einen Anstieg der Beschäftigungszahlen sind gut. Um diese Potenziale zu nutzen, benötigt das Gesundheitswesen jedoch genügend gesunde, leistungsfähige und motivierte Pflegekräfte. Die BGW sieht in diesem Bereich akuten Handlungsbedarf.
Die Zahl der Pflegebedürftigen wird deutlich ansteigen. Gleichzeitig schrumpft jedoch die Erwerbsbevölkerung, in der Altenpflege rücken auch deshalb zu wenig Berufsneulinge nach. Der demografische Wandel macht zudem auch vor der Altersstruktur der Beschäftigten nicht halt: Der Anteil der über 50-Jährigen Pflegerinnen und Pfleger hat sich bereits deutlich erhöht. Um eine qualitativ hochwertige Kranken- und Altenpflege langfristig zu sichern, sollte daher heute die Grundlage unserer "Pflegezukunft" gelegt werden.
Bei der Suche nach Antworten auf die Herausforderungen des demografischen Wandels muss man allerdings die Besonderheit der Pflege immer im Auge behalten: Pflege ist Interaktion zwischen Menschen. Dies ist in unserer heutigen, stark automatisierten Welt nichts Selbstverständliches mehr. Pflege geschieht „von Mensch zu Mensch“. Das bedeutet: Nicht nur die Patienten / Kunden und ihre Bedürfnisse müssen beachtet werden, sondern auch die Belange und Interessen der Pflegenden.
Aus Sicht der BGW stehen bei der Bewältigung des demografischen Wandels im Mittelpunkt: eine hohe Attraktivität der Pflegeberufe und ihre Wertschätzung in der Gesellschaft, eine gesteigerte Verweildauer von Pflegekräften im Beruf und alter(n)sgerechte Arbeitsgestaltung. Diese Ziele hängen im Kern alle zusammen mit den entscheidenden Faktoren – der Gesundheit der Beschäftigten und den Arbeitsbedingungen in Kranken- und Altenpflege. Die BGW leistet ihren Beitrag, den Arbeitsschutz und die Gesundheitsförderung in den Einrichtungen und Betrieben des Gesundheitswesens zu stärken und weiterzuentwickeln. Vieles hat sich in den letzten Jahren bewegt, allerdings existiert weiterer Handlungsbedarf: In den Krankenhäusern sind die Fallzahlen und damit die Belastungszahlen der Pflegedienste gestiegen. Gleichzeitig wurde Personal im Pflegebereich abgebaut. Fragen einer Krankenhausfinanzierung und organisation, die die Ziele des Arbeits- und Gesundheitsschutzes stärker in den Blick nehmen, sind also zu lösen.
Die BGW schlägt insgesamt einen Perspektivenwechsel im Krankenhaus vor: vom "Haus der Krankheit" zum "Haus der Gesundheit", das Patientenschutz und Mitarbeitergesundheit gleichermaßen im Blick hat. Im Bereich der stationären und ambulanten Altenpflege zieht der drohende Personalmangel Handlungsdruck nach sich. Ziel sollte sein, attraktive Arbeitsplätze zu gestalten, Ausbildung weiter zu fördern und modernen Arbeits- und Gesundheitsschutz auf allen betrieblichen Ebenen in die Strukturen und Prozesse zu integrieren. Ein Schwerpunkt in der Arbeitsorganisation muss sicherlich auch auf einer Arbeitsgestaltung liegen, die älteren Beschäftigten den Verbleib im Pflegeberuf bzw. den Wiedereinstieg ermöglicht.
Die Herausforderungen in der Pflege, hier nur beispielhaft angerissen, sind groß, die Chancen auch. Die BGW beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Thematik des demografischen Wandels und seiner Auswirkungen. Sie kommt damit nicht nur ihrem gesetzlichen Auftrag nach, sondern will bewusst ihre gesellschaftspolitische Verantwortung wahrnehmen. Dazu startete sie 2006 ihre Kampagne "Aufbruch Pflege", die ein Forum für alle Beteiligten aus Politik und der Pflegebranche bot, Informationen und Standpunkte auszutauschen und wirksam die Zukunft der Pflege mit dem Blick auf gesundheitsfördernde und -erhaltende Arbeitsbedingungen zu gestalten. Die BGW brachte dabei als Initiatorin ihre Kompetenz als Branchenkennerin und Beraterin ein.
Auch in Zukunft möchte die BGW diese Rolle fortführen: Es gilt, Arbeitsschutz und Prävention nicht als alleinige Aufgabe von Unternehmen, Unfallversicherungsträgern und Arbeitsschutzbehörden aufzufassen. Die BGW schlägt vor, eine moderne, umfassende Präventionsstrategie zu gestalten, die alle Beteiligten aus Gesundheitswesen und Pflegebranche, Gesellschaft und Politik zu einem abgestimmten Handeln zusammenführt. Denn Arbeits- und Gesundheitsschutz fängt nicht erst in der Gestaltung der Prozesse und Betriebsabläufe an, sondern beginnt bereits auf Ebene der gesellschaftlichen und branchenweiten Rahmenbedingungen: Sozialversicherungsleistungen und deren Finanzierung, Weiterentwicklung des Verständnisses von "Pflegebedürftigkeit", Gestaltung neuer Versorgungslandschaften, Akademisierung der Pflege – um nur einige Stichworte zu nennen, die Auswirkungen auf die Berufe und Arbeitsbedingungen in der Pflege besitzen. Es bieten sich also Gestaltungsoptionen für eine "Neue Kultur der Pflege" an, die man nur im gemeinsamen Handeln wahrnehmen kann. Dabei steht die BGW ihren Versicherten, den Einrichtungen und Unternehmen der Kranken- und Altenpflege, den Branchenverbänden und der Politik mit bewährten Angeboten und Know-How rund um die Themen "gesund pflegen" und "demografischer Wandel" auch in Zukunft als Partner zur Seite.
Erhard Weiß ist Beauftragter für gesundheitspolitische Kooperationen der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) und Geschäftsführer der BGW Bezirksverwaltung und Bezirksstelle Karlsruhe.

Ein Artikel aus der conZepte 4/2009.
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