Die Zukunft der Pflege beginnt jetzt Drucken E-Mail

Kommentar von Elisabeth Scharfenberg, pflege- und altenpolitische Sprecherin der Bündnis 90/ Die Grünen Bundestagsfraktion

Im Heute werden die Grundsteine für das Morgen gelegt. Im Heute werden Entscheidungen mit Nachhaltigkeit getroffen, damit es ein erfolgreiches Morgen geben kann. Diese Gesetzmäßigkeit gilt auch für das Thema Pflege.

 

Elisabeth-ScharfenbergBetrachtet man das derzeitige politische Regierungshandeln, beschleicht einen das Gefühl, dass Pflege überhaupt kein Thema ist. Sie wird schlicht und einfach ignoriert. Gut gemeinte Aktionsbündnisse und Kampagnen können nicht über den Umstand hinwegtäuschen, dass aktiv nichts unternommen wird. Rückt die Pflege in den Fokus der Regierung, dann lediglich unter fiskalischen Gesichtspunkten. Alle strukturellen und organisatorischen Fragen, die die pflegerische Versorgung mit sich bringt, werden regelrecht ausgeblendet. Für mich als pflege- und altenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen sieht so weder Nachhaltigkeit noch erfolgreiche Zukunftsgestaltung aus.

Dabei verlangt der demografische und soziale Wandel nach ganzheitlichen Lösungskonzepten. Insbesondere der Bereich Personal in der Pflege muss zentral diskutiert werden. Der Handlungsbedarf und -druck ist offensichtlich. Der alleinige Ruf nach mehr Wo-Men Power und Green Cards greift unserer Meinung nach zu kurz. Die Bewältigung dieser Herausforderung wird nicht durch isolierte Einzelmaßnahmen zu leisten sein. Es braucht ein ganzes Maßnahmenpaket. Angefangen bei der Beeinflussung von Pflegebedürftigkeit über die (Weiter-) Bildung und Neuausrichtung im Handlungsfeld Pflege bis hin zur Etablierung eines Hilfe-Mix sind die vielfältigsten Bereiche gefragt.

 

Maßnahmenbereich: Gesundes Altern und Vermeidung von Pflegebedürftigkeit
Ob und wie massiv sich der Pflegekräftemangel in Zukunft ausbilden wird, hängt in hohem Maße von der tatsächlichen Entwicklung des Pflegebedarfs ab. Der Eintritt und die Ausprägung von Pflegebedürftigkeit ist dabei ein beeinflussbares Geschehen. Pflegebedürftigkeit durch gezielte Investitionen in Prävention und Rehabilitation – über die gesamte Lebensspanne hinweg – zu verzögern, ist möglich. Das ist wissenschaftlich nachgewiesen. Im Alter bedeutet lebensweltbezogene Gesundheitsförderung den Gewinn an gesunden Lebensjahren steigern. Um Selbstständigkeit zu erhalten, die Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe ist, sind bestehende gesundheitliche Defizite zu kompensieren und Fähigkeiten wiederherzustellen. Die Entwicklung neuer Diagnose- und Behandlungsverfahren und die (Weiter-) Entwicklung technischer Hilfsmittel oder auch nicht-medizinischer Therapieansätze können ganz wesentlich zur Verzögerung oder gar Vermeidung von Krankheitsprozessen und/ oder des Eintritts der Pflegebedürftigkeit beitragen. Zukunft Pflege bedeutet eben auch wissenschaftlicher und technischer Fortschritt.

 

Maßnahmenbereich: Neuausrichtung des Handlungsfeldes Pflege
Will man das Problem des Personalmangels in Zeiten des demografischen und sozialen Wandels in der Pflege begrenzen, braucht es eine grundlegende Neuausrichtung des Handlungsfeldes Pflege. Dies impliziert Maßnahmen in verschiedenen Bereichen wie gesunderhaltende Arbeitswelt, Berufszufriedenheit, Attraktivitätssteigerung des Berufs, neue Strategien der Personalgewinnung, Neuregelung von Arbeitsprozessen und Versorgungsstrukturen etc. Es geht also nicht nur – wie es derzeit so vollmundig gefordert wird – um die Gewinnung von Pflegepersonal, sondern auch um den Erhalt und Verbleib desselben. Die Beschäftigten müssen die Möglichkeit erhalten, unter ausreichend Zeit und Personaleinsatz den Beruf auszuüben, für den sie sich einst bewusst entschieden haben. Das bedeutet auch, Pflege wieder vorrangig an den sozialen und lebensweltlichen Bedürfnissen der Pflegebedürftigen auszurichten. Die zunehmende Normierung und Standardisierung durch externe Prüfkriterien schränkt Lebenswelt und Individualität ein. Unter dem Vorzeichen des Personalmangels muss sich das Handlungsspektrum der Pflegekräfte zudem verändern. Die allumfassende Zuständigkeit muss mittelfristig zu Gunsten einer Spezialisierung und Aufgabendelegation überdacht werden. Die Arbeitsorganisation, die Personalentwicklung und -führung einer Einrichtung muss weiterhin darauf abzielen zu ent- statt zu belasten. Auch die psychische wie physische Verfasstheit des Personals muss organisationsleitend sein. Die Einrichtungen und Verbände der Zukunft legen Wert darauf, ihr Human-Ressource-Kapital zu pflegen und dort hinein zu investieren. Dieses Bestreben zu unterstützen und es mit entsprechenden Förderstrukturen, auch finanzieller Art, beispielsweise im Bereich des betrieblichen Gesundheitsmanagements zu schaffen, muss auch bundespolitischer Auftrag werden.

 

Maßnahmenbereich: Weiter (mit) Bildung
Die Ausbildungen müssen sich fortlaufend an die sich dynamisch verändernden Versorgungsbedarfe anpassen. Dafür brauchen wir ein durchlässiges und flexibles Aus-, Fort- und Weiterbildungssystem. Es sollte modular aufgebaut und unbürokratisch sein sowie Anreizstrukturen für ein lebenslanges Lernen bereit halten. Wir sind uns alle darin einig, dass eine Reform der Pflegeausbildung notwendig ist. Das Vorhaben muss aber gut geplant und durchdacht werden. Es sind zahlreiche Umstände zu beachten, wie die unterschiedlichen Finanzierungslogiken und Zuständigkeitsbereiche zwischen Bund und Ländern. Gleichermaßen wichtig ist der Bereich der Weiterbildung, trägt er doch zur Attraktivitätssteigerung des Berufsfelds Pflege bei. Es muss für die in der Pflege Tätigen möglich sein, sich weiter zu qualifizieren, verbunden mit einer attraktiven Arbeitsplatzoption, Lohnverbesserungen und Verantwortungszuwächsen. Die bereits heute guten Ausbildungschancen und Entwicklungsmöglichkeiten in den Pflegeberufen sind vielen jungen Menschen mitunter gar nicht bekannt. Das muss sich ändern. Die Anwerbung von Erstauszubildenden für die Pflegeberufe setzt aber eine klare Regelung der Ausbildungsfinanzierung speziell für die Altenpflege voraus. Hier fordern wir als Grüne schon seit langem eine bundesweit einheitliche und verpflichtende Umlagefinanzierung. Es gibt heute noch vielerorts mehr Bewerber an Pflegefachseminaren als Ausbildungsplätze. Diese Ressource, die heute noch vorhanden ist, müssen wir ausschöpfen, was bedeutet, dass mehr Ausbildungsplatzkapazitäten zu schaffen sind. Wir müssen aber nicht nur die Neu-, sondern auch Quer- und Wiedereinsteiger berücksichtigen. Bspw. ist die Regelung des dritten Ausbildungsjahres für Umschüler eine grobe Verfehlung der derzeitigen Politik und nicht vereinbar mit der Vorstellung eines Aktionsbündnis Pflege.

 

Maßnahmenbereich: Gemeinwesenorientierung und Hilfe-Mix
Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die erheblich von der Solidarität der Gesellschaftsmitglieder untereinander lebt, ob verwandtschaftlich, nachbarschaftlich oder ehrenamtlich miteinander verbunden. Überall dort, wo Hilfe notwendig wird, diese aber nicht aus dem privaten sozialen Umfeld zur Verfügung steht, wird professionelle Unterstützung an Bedeutung gewinnen. Wir müssen uns aber auch auf die Suche nach neuen und anderen gesellschaftlichen Ressourcen begeben. Diese können in der Gewinnung und Begeisterung von Menschen für bürgerschaftliches Engagement im sozialen Bereich liegen aber auch in der Etablierung von generationenübergreifenden Wohn- und Lebensprojekten, in noch stärkerer Entlastung pflegender Angehöriger, in der Bereitschaft zur Übernahme von Pflegeaufgaben durch Männer und in der Weiterentwicklung niedrigschwelliger und komplementärer Dienstleistungen. Da die sozialen Sicherungssysteme hierdurch entlastet werden und sich für den Einzelnen in solchen Strukturen mehr Selbstbestimmung und Teilhabemöglichkeiten bieten, müssen diese auf bundes- und kommunalpolitischer Ebene gefördert werden. Dazu bedarf es nicht nur rechtlicher Korrekturen und finanzieller Fördermittel (z.B. Wohnungsbauförderung). Durch das Prinzip der geteilten Verantwortung kann Pflege gelingen und eine Ergänzung zur professionellen Pflege sein und ambulant vor stationär endlich stärken. Dieser Ansatz ist ein Erfolgsfaktor zur Umsetzung des Anspruchs: Ambulant vor Stationär.

 

Fazit:
Deutlich wird, die zu bewältigenden Anforderungen der Zukunft im Bereich der Pflege sind enorm und werden künftig nicht mehr nur allein auf nationaler Ebene zu bewältigen sein. Zunehmend werden europäische, mitunter auch internationale Strategien notwendig, um die pflegerische Versorgung der Bevölkerungen auch weiter aufrechtzuerhalten. Wie hier auch deutlich geworden ist, muss eine Vielzahl von Maßnahmen ergriffen werden, wenn wir den Personalmangel in der Pflege in Grenzen halten wollen. Diese Maßnahmenbereiche müssen dabei zwingend parallel und verschränkt gedacht werden. Bleiben Investitionen in den genannten Bereichen aus oder werden nur schleppend vorangetrieben, besteht nicht nur die Gefahr eines kollabierenden Versorgungssystems. Es wäre am Ende sogar weitaus teurer, weil die Chancen auf vorbeugende und überlegte Steuerung vergeben würden. Meine Vision und mein Ziel für die Zukunft ist ein gestärktes und ausdifferenziertes System der Pflege, das ermöglicht und nicht be- und verhindert und das seine Protagonistenrolle in Europa hinsichtlich des demografischen Wandelungsprozesses vorbildhaft ausfüllt.

 

Dieser Beitrag erscheint auch als Gastkommentar in der conZepte 2/2010.

Ihre Kommentare

Pflegerin
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Soviel geschrieben und nichts gesagt.
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Jürgen Hollick
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Offensichtlich wird das Prioblem des Pflegeniotstand es, seit ca. 10 Jahren von den pflegerischen Berufsorganisat ionen bereits erkannt, auch von einzelnen Politikern wahrgenommen.
Jetzt sollten wir nur noch erfahren, wie Frau Scharffenberg zu Einrichtung einer Pflegekammer steht und was sie dazu bereits beigetragen hat.
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