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Innovative Weiterentwicklung der Altenhilfestrukturen

Beitrag von Sara Bode

Die Folgen des demografischen Wandels und die Auswirkungen der sozialen Entwicklung lassen die Gesellschaft aufhorchen und erfordern für die Altenhilfe von Politik, Leistungsträgern und Leistungserbringern neue Konzepte und Strategien.

 

Verschärft wird dieser Veränderungsdruck durch sukzessiv geringer werdende finanzielle ­Ressourcen. Die anstehenden Herausforderungen verlangen einen neuen und innovativen Umgang mit dem Thema »Wohnen und Leben im Alter«.

Die doppelte Herausforderung

03-2Die absehbare demografische Entwicklung führt zu einer dreifachen Alterung der Gesellschaft. Erstens liegt eine absolute Zunahme an älteren Menschen vor. Zweitens wächst ihr relativer Anteil an der Gesamtbevölkerung. Drittens ist ein Zuwachs an hochaltrigen Menschen, den über 80-Jährigen, zu verzeichnen.

Mit dieser Entwicklung geht ein signifikanter Anstieg an Pflegebedürftigen und insbesondere Demenzkranken einher. Neben der Veränderung des quantitativen Bedarfs stellt die zunehmende Heterogenität der Wünsche und Bedürfnisse der älteren Generation eine Herausforderung dar. Dies steht im Zusammenhang mit der Ausdehnung der Lebensphase »Alter« und mit möglichen Veränderungen der Lebensumstände, die diese Phase entscheidend prägen. Weiterhin haben gesellschaftliche Entwicklungen wie Individualisierung, Singularisierung und Pluralisierung Auswirkungen auf die Ansprüche an Wohn- und Lebensformen. Ausdruck dessen ist der Wunsch vieler älterer Menschen nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung einerseits, nach sozialen Kontakten und Gemeinschaft andererseits.

Bipolarität der Altenhilfe ist weder gewünscht noch finanzierbar

Derzeit besteht die Altenhilfelandschaft schwerpunktmäßig noch immer aus den beiden traditionellen Polen: Verbleib in der eigenen Häuslichkeit oder Umzug in eine stationäre Pflegeeinrichtung. Dazwischen gibt es teilweise Angebote, die allerdings oftmals ohne Verknüpfungen und stark zergliedert sind und dem Bedarf nicht gerecht werden. Vor dem Hintergrund der quantitativ schrumpfenden jüngeren Generation und des Aufbrechens familiärer Strukturen ist von einer Abnahme dieses informellen Unterstützungspotenzials auszugehen. Deshalb gehen Prognosen davon aus, dass ohne eine grundlegende Veränderung der Altenhilfestrukturen bis 2050 ein Bedarf an weiteren 800.000 Plätzen entstehen wird.(2)
Diese Versorgungsform ist allerdings konträr zum Wunsch der überwiegenden Mehrheit der Menschen, in der normalen Häuslichkeit möglichst bis zum Lebensende zu verbleiben. Zudem wären die notwendigen Investitionen und die laufenden Kosten nicht finanzierbar. Fraglich ist allerdings, wo ältere Menschen stattdessen leben sollen, und wie eine adäquate Versorgung sichergestellt werden kann. Bereits heute sehen sich die vorhandenen Unterstützungssysteme mit ihren Leistungsgrenzen konfrontiert.

Besondere Wohnformen für ältere Menschen – seien es Altenheime oder auch alternative Wohnformen – können aufgrund der in der Zukunft notwendigen Kapazität nur ein Baustein sein. Das Augenmerk muss folglich auf die bedarfsgerechte Gestaltung der bestehenden Wohnungen und auf das Wohnumfeld gelegt werden. Neben baulichen Anpassungen wird eine Ausweitung des »Ambient Assisted Living« notwendig sein, um den Verbleib in der Wohnung auch bei einsetzendem Hilfebedarf sicher zu stellen. Zudem müssen informelle Potenziale z.B. in Form von Nachbarschaftshilfe genutzt und formelle wie Pflegedienste zugänglich gemacht werden.

Das Konzept des Quartiersmanagements

Kernelemente eines QuartiersmanagementesZiel eines Quartiersmanagements ist es, ein Wohngebiet oder eine Stadt den Bedürfnissen der älteren Menschen entsprechend zu gestalten, damit ein selbstständiges Leben möglichst lange außerhalb einer stationären Einrichtung und mit Anschluss an eine Gemeinschaft realisierbar ist.

 

 

Das Konzept zeichnet sich durch die vier Kernelemente aus:

  • Vernetzung von Institutionen und Akteuren vor Ort wie Vereine, soziale und freie Wirtschaft sowie nichtorganisierte Anwohner.
  • Aktivierung und Beteiligung der Bewohner im Sinne einer Hilfe zur Selbsthilfe und Unterstützung des Selbstorganisationsprozesses. Eine besondere Bedeutung kommt der Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements zu.
  • Förderung der Interessen von unterstützungsbedürftigen Menschen, die diese nicht selber vertreten können.
  • Verfolgung eines kleinräumigen Ansatzes, wodurch notwendige zusätzliche Angebote im ver­trauten, direkten Wohnumfeld in Anspruch genommen werden können

Angebotsbausteine eines Quartiersmanagements

Damit das Wohnumfeld altengerecht gestaltet ist, werden verschiedenen Angebote benötigt. Diese können thematisch sinnvoll in sechs Angebotsbausteine zusammengefasst werden. Das Vorhandensein dieses Angebots ist nicht nur in quantitativer, sondern auch in qualitativer Hinsicht von Bedeutung. Beim Aufbau eines Quartiersmanagements ist oftmals die Vernetzung bestehender, aber auch der Aufbau neuer Angebote notwendig.

Baustein 1: Information und Beratung

Das Leben älterer Menschen ist durch zahlreiche Veränderungen und unbekannte Herausforderungen, wie z.B. einsetzenden Unterstützungsbedarf, gekennzeichnet. Für die Betroffenen selbst, aber auch für Angehörige, ist ein Anlaufpunkt, bei dem man kompetente Unterstützung erhält, von enormer Wichtigkeit. Diese Anlaufstelle ist in der Regel ein Beratungszentrum und bildet das Herzstück eines Quartiersmanagements.

Baustein 2: Freizeit-, Kontakt-und Beschäftigungsmöglichkeiten

Grundvoraussetzung für diesen Bereich ist, dass Räumlichkeiten vorhanden sind, in denen Menschen miteinander in Kontakt treten können. Hier finden Feste, Veranstaltungen und Aktivitäten statt. Unerlässlich für ein aktives Miteinander ist die Förderung gegenseitiger und auch generationsübergreifender Unterstützungspotenziale. Für diese Art von informeller Hilfe gilt es, dienliche Strukturen zu schaffen. Neben der Sicherung von Einsparungspotenzialen sollen vor allem älteren Menschen sinnstiftende Aufgaben übertragen werden. Ziel ist nicht die reine Beschäftigung – auch ältere Menschen brauchen das Gefühl, notwendig zu sein und einen wichtigen Dienst für die Gemeinschaft zu leisten.

Baustein 3: Medizinische Versorgung

Um eine ganzheitliche Sicht sicherzustellen, ist die Einbindung der Haus- wie der Fachärzte und Krankenhäuser im Wohngebiet unerlässlich. Weiterhin sollten Rehabilitationsdienstleistungen vorgehalten werden. In der Vernetzung dieser Angebote liegen oftmals die größten Optimierungspotenziale bestehender Modelle.

Baustein 4: Haushaltsnahe, ambulante und teilstationäre Dienstleistungen

Mit einsetzendem Unterstützungsbedarf bieten soziale Dienstleistungen für ältere Menschen eine Voraussetzung, um weiterhin selbstständig in der eigenen Häuslichkeit wohnen zu können. Neben ambulanten Pflegeleistungen und hauswirtschaftlichen Unterstützungen sind hier vor allem für Menschen mit Demenz Tagespflegeangebote und niedrigschwellige Angebote von Bedeutung.

Baustein 5: Alternative Wohnformen

Obwohl die meisten älteren Menschen zu Hause verbleiben wollen, gibt es zunehmend solche, die ihre Wohnsituation aktiv und bewusst verändern möchten. Dies gilt häufig für körperlich besonders rege ältere Menschen, aber auch für solche, die auf einen einsetzenden Hilfebedarf vorbereitet sein wollen. Am bekanntesten ist hierbei sicherlich das Betreute Wohnen. Weiterhin sind aber auch Mehr-Generationen-Projekte oder selbstorganisierte Wohn- und Hausgemeinschaften von Bedeutung.

Baustein 6: Spezielle Wohnangebote für pflegebedürftige Menschen

Auch wenn es ein Ziel des Quartiersmanagements ist, älteren Menschen so lange wie möglich ein Leben in der eigenen Häuslichkeit zu ermöglichen, muss ein ausreichendes Angebot an speziellen Wohnformen für pflegebedürftige Menschen vorhanden sein. Hierfür gibt es sowohl ambulante Angebote in Form von Wohngruppen als auch stationäre Lösungen, wie z.B. Hausgemeinschaften.

Vernetzung als Schlüssel zum Erfolg

Notwendig ist jedoch nicht nur das Vorhandensein von kundenorientierten Angeboten, sondern auch die lückenlose Vernetzung der formellen und informellen Elemente. Denn nur wenn das Prinzip »Alles aus einer Hand« wirklich umgesetzt wird, sind die verschiedenen Angebote den älteren Menschen wirklich zugänglich. Solche Netzwerke entstehen und leben allerdings nicht ohne aktives Zutun. Die größte Bedeutung im Rahmen des Netzwerkaufbaus liegt darin, das Kennenlernen der Beteiligten zu unterstützen, um vertrauensvolle Zusammenarbeit möglich zu machen. Ein gemeinsames Ziel muss festgelegt werden, welches trotz unterschiedlicher Herangehensweisen und Motivationen von allen verfolgt wird.

 

Ergänzende Hinweise:

Zum Aufbau von vernetzten Strukturen gibt es verschiedene Fördermittel. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie gibt unter http://www.foerderdatenbank.de einen umfassenden Überblick über die Förderprogramme des Bundes, der Länder und der Europäischen Union.

Zudem können über das Kuratorium Deutsche Altershilfe Fördermittel des Deutschen Hilfswerks (DHW) beantragt werden. Gefördert wird u.a. die Konzeptentwicklung sowie Personalkostenfinanzierung für einen Quartiersmanager.

Weitere Informationen unter: http://www.kda.de

Dreifache Alterung der Gesellschaft

Quellen:

  1. Statistisches Bundesamt 2009, S. 39. Eigene Darstellung. Statistisches Bundesamt (Hg.) (2009): Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Wiesbaden.
  2. KDA 2006, S.4. Kuratorium Deutsche Altershilfe (Hg.) (2006): Wohnen im Alter. Strukturen und Herausforderung für kommunales Handeln. Ergebnisse einer bundesweiten Befragung der Landkreise und kreisfreien Städte. Köln.

Ihre Kommentare

Dagmar Lipper
0
 
 
Liebe Frau Bode,
ich meine, es gibt noch einen weiteren Baustein: das bürgerschaftliche Engagement der älteren Generation für die jüngere. Die älteren sind auf die nachbarschaftli che Hilfe angewiesen, wenn sie "nicht mehr so können". Aber umgekehrt können ältere auch für die jüngeren Dienstleistunge n übernehmen. Ziel sollte das Miteinander der Generationen in den Quartiren sein.
Herzliche Grüße
Dagmar Lipper
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